Die Qualität darf nicht auf der Strecke bleiben – ein Gespräch

Gespräch mit Christoph Rietmann, Hortleiter in Zürich

vpod: Der vpod engagiert sich für den Ausbau der schulischen Tagesbetreuung, aber in letzter Zeit hört und liest man immer wieder, dass die Hortnerinnen und Hortner mit dem Ausbau unzufrieden sind. Wie kommt das?

Christoph RietmannMit der Annahme des Volksschulgesetzes im Jahre 2005 ist die Stadt Zürich seit 2009 verpflichtet, jedem Kind, das einen Betreuungsplatz beansprucht, einen solchen zur Verfügung zu stellen. Heute beanspruchen rund 35% der SchülerInnen einen Betreuungsplatz. In den kommenden acht Jahren rechnet die Stadt mit einer Verdoppelung der Nachfrage und ist somit verpflichtet, das Betreuungsangebot massiv auszubauen.
Das Schul- und Sportdepartement hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, die Nachfrage ohne Abbau der Betreuungsqualität zu decken. Die dafür notwendigen Voraussetzungen sind aber bei Weitem nicht gegeben, denn die ungeahnt hohe Zunahme der Nachfrage hat Folgen: Die Stadt ist nicht in der Lage, die entsprechenden finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen. Es herrscht an allen Ecken und Enden Platznot, weil viel zu wenig geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung stehen. Der Ausbau wird viel zu schnell vorangetrieben, weil inzwischen ein enormer Zeitdruck besteht. Der Gesamtfokus verlagert sich zusehends in Richtung Quantität zulasten der Qualität.

Diesen Umständen begegnet das SSD mit Massnahmen, die allesamt einen Abbau der Qualität zur Folge haben:

–       Erhebliche Vergrösserungen der Kindergruppen

–       Errichtung von Gross- und Grössthorten (mit Kinderzahlen bis 150!).

–       Reduktion der Quadratmeterzahl pro Kind (mehr Kinder auf gleicher Fläche – genannt „Verdichtung“).

–       Nutzung (bzw. Zweckentfremdung) von Gängen in Schulhäusern, von Turnhallen, Bibliotheken, anderen Schulräumlichkeiten und externen Lokalitäten für die Betreuung.

–       Flexible Einsätze des Hortpersonals an wechselnden Arbeitsorten und in verschiedenen Kindergruppen.

–       Massive Verschlechterungen der Anstellungsbedingungen des Hortpersonals.

–       Senkung des Ausbildungsniveaus des zukünftig anzustellenden Hortpersonals.

Unter solchen Voraussetzungen wird die Stadt nicht in der Lage sein, ihr Ziel des Ausbaus ohne Qualitätsverlust zu erreichen, und das Hortpersonal wird in Zukunft weder den eigenen Qualitätsansprüchen noch denen der Eltern genügen können. So ist es also verständlich, wenn unter den Hortangestellten Unzufriedenheit, Unmut und Widerstände bereits weit verbreitet sind und zunehmend stärker werden.

vpod: Die Arbeitsbedingungen sollen dem städtischen Personal angepasst werden. Das klingt doch eigentlich vernünftig?

Konkret bedeutete dies für das Hortpersonal den Verlust mehrerer Ferienwochen, die ersatzlos gestrichen würden. Also mehr Arbeit bei gleichem Lohn, was faktisch eine Lohnsenkung darstellt. Damit würde auch die Einstufung im Lohnsystem nicht mehr stimmen, was absolut inakzeptabel und diskriminierend wäre. Dazu kommt, dass wir die bezahlten Pausen, die den städtischen Angestellten zustehen, nicht wirklich nehmen können.
Die Erwartungen an die Betreuungsarbeit sind hoch und steigen ständig. Sie soll Sprachförderung leisten, sie soll integrativ wirken und das Zusammenleben verschiedener Kulturen unterstützen, sie soll Hausaufgabenhilfe leisten und damit die Schulerfolge der Kinder fördern, sie soll sinnvolle Freizeitbeschäftigungen anbieten und Gewaltprävention leisten, sie soll die Sozialkompetenzen der Kinder in verschiedenen Bereichen fördern, sie soll die Zusammenarbeit zwischen Schule, Betreuung und Eltern unterstützen, und noch vieles mehr. Die Bewältigung dieser komplexen Aufgaben verlangt von den Hortangestellten sehr hohe Präsenz, Konzentration, Verfügbarkeit und Flexibilität. Hinzu kommen erhöhte psychische und physische Belastungen durch häufige Konfliktkonfrontationen, Lärm, Stress und verdichteten Arbeitsalltag und die stark reduzierte Möglichkeit, Pausen zu beziehen.
Die Horte müssen vieles übernehmen, was Elternhaus und Schule nicht leisten können oder wollen, und sind zurzeit durch den schnellen Ausbau enorm belastet. Es kann nicht sein, dass gerade zu diesem Zeitpunkt der seit über 60 Jahren unbestrittene erhöhte Erholungsbedarf des Hortpersonals infrage gestellt wird.

vpod: Aber die Einstufungen sind vor einigen Jahren alle überprüft worden. Wieso meint ihr, sie stimmen nicht?

Die heutigen Einstufungen wurden auf der Grundlage des geltenden Ferienanspruchs der Hortangestellten gemacht. Wenn die zusätzlichen Ferien damals nicht berücksichtigt worden wären, hätten die Hortangestellten eine Lohnklasse höher eingestuft werden müssen, als sie es heute sind. Man hat aber seinerzeit die Einstufung akzeptiert, weil den Angestellten eine höhere Erholungszeit wichtiger war als mehr Geld. In der Zwischenzeit sind die Berufsanforderungen noch gestiegen und die Komplexität des Berufsalltags hat gerade durch den rasanten Ausbau noch mal stark zugenommen. Es gibt also keinerlei Rechtfertigung, jetzt die Löhne zu kürzen.

 vpod: Inwiefern beeinflusst die Betreuungsqualität den Schulunterricht und welche Faktoren spielen dabei eine Rolle?

 Um eine gute Betreuungsqualität zu gewährleisten, muss u.a. ein besonderes Augenmerk auf Faktoren wie Gruppengrösse, Raumangebot, Ausbildungsniveau des Personals, Personalfluktuation und Anstellungsbedingungen gelegt werden. Je stärker diese Faktoren bei der Gestaltung von pädagogischen Konzepten berücksichtigt werden, desto höher ist die pädagogische Betreuungsqualität und desto besser gelingt die Förderung der Kinder in Bereichen wie Sozialkompetenz, Integrationsfähigkeit, Anpassungsvermögen, Konflikttoleranz und Teamfähigkeit. Eine möglichst hohe Förderung der Kinder in diesen Bereichen vermag den Schulunterricht mit Sicherheit positiv zu beeinflussen, denn Kinder sind dadurch ausgeglichener, aufnahmefähiger, lerneffizienter und teamfähiger.
Umgekehrt bewirkt eine Vernachlässigung der oben genannten Faktoren bei den Kindern Förderungsdefizite, die sich negativ auf den Schulunterricht auswirken. Die Kinder sind unausgeglichener, viel schneller abgelenkt, weniger aufnahmefähig, viel häufiger in Konflikte verwickelt und schlechter integriert.

 vpod: Dass die Qualität in den Horten stimmt, ist für die Lehrpersonen auch wichtig. Was können sie konkret tun, um euch zu unterstützen?

Nach meiner Erfahrung sind Schule und Hort an vielen Orten schon stark zusammengewachsen, und die Zusammenarbeit funktioniert. Es gibt regelmässige Austauschsitzungen, Austausch mit den Schulsozialarbeitenden, gemeinsame Standortgespräche etc.
Von den Lehrpersonen wünschen wir uns zurzeit vor allem, dass sie Verständnis aufbringen für die Anliegen und aktuellen Herausforderungen der Horte. Z. B. im Bereich Erledigung der Hausaufgaben: Der Hort kann nicht immer garantieren, dass die Hausaufgaben vollständig erledigt sind, die Verantwortung dafür liegt schlussendlich bei den Eltern. Oder im Bereich Teilnahme an Sitzungen, Konferenzen und Q-Tagen: Termine sollten so angesetzt sein, dass Hortleitende die Möglichkeit zur Teilnahme ausserhalb ihrer im Hort zu leistenden Präsenzzeit haben. Ist dies aus organisatorischen Gründen nicht möglich, ist es hilfreich, auf ein Delegiertensystem zurückgreifen zu können, welches in einem festgelegten Turnus die Vertretung aller Hortangestellten einer Schuleinheit durch einzelne Hortleitende ermöglicht.

Und natürlich wünschen wir uns, dass die Lehrpersonen unsere Forderungen, die wir zum Erhalt der Betreuungsqualität stellen, unterstützen, auch gegenüber der Öffentlichkeit und dem Schulamt!